Mit Twitter Geld verdienen (II)

Eigentlich ist das gar nicht so einfach. Mit Twitter Geld zu verdienen.


Man frage bei Twitter, wie man mit Twitter Geld verdienen kann, stelle alle Bedenken hintan — und dann mache man einfach: So ein Paypal-Button ist schließlich schnell zusammengeklickt; in die Webseite integriert; und per Twitter gestreut.

„These are just my 2 cents“, sagt der Amerikaner gemeinhin, wenn er einen Gedanken zu einer Debatte beisteuern möchte und ihn aber doch nicht als allumfassend und endgültig, sondern lediglich als kleinen Beitrag zu einem großen Ganzen verstanden wissen möchte: ein Gedanke, der möglicherweise das Eigentliche außerhalb der gedanklichen Reichweite nicht erfasst.

In diesem Fall sind Ihre 2 Cents, die Sie mir gerade durch einen Klick auf den Button zukommen ließen, nun meine zwei Cents, die des Autors. Dafür, für Ihren Beitrag zu dieser Debatte, möchte ich mich natürlich zunächst einmal herzlich bedanken.

Vermutlich wird man als Autor so etwas nicht allzu häufig, vielleicht sogar nur einmal überhaupt machen können. Der kleine Gag war für Sie schließlich teurer als diese gerade eben verschmerzbaren 2 Cents, die ich daran verdiene. Sie haben sage und schreibe 1,02 Euro bezahlt. Und diese 100 Cents extra, die die voran besuchte Webseite soeben über meine zwei Cents Gedankenleistung hinaus fürs Weiterkommen beanspruchte und die ich nun in besserer Lichtgeschwindigkeit an meinem Bankkonto vorbeiblitzen sehe (nochmals: vielen lieben Dank dafür!), diese 100 Cent also werden nun von einem großen Unbekannten im Hintergrund abgegriffen. Paypal, die Ebay-Tochter, verdient an den 1,02 Euro für diesen Text soeben sagenhafte 98,04 Prozent. Dafür stellte mir Paypal die Infrastruktur, einen Button unter einen Satz reinzuklicken und virtuelles Geld von hier nach dort dominohaft in Sekundenbruchteilen zu befördern.

Spiel mit der Glaubwürdigkeit

Womit ich hier spiele, ist etwas Nichtfassliches, aber das Wichtigste: meine Glaubwürdigkeit. Eigentlich ist das nichts, womit man spielen sollte. Dass ich es trotzdem gemacht habe, liegt an meiner Neugierde: herauszufinden, wie vielen Menschen tatsächlich daran liegt, gleichsam etwas herauszufinden, was allgemein zugängliches Wissen ist. Sämtliche auf meinem Experiment basierende Informationen liegen offen im Netz. Jeder kann es nachmachen und die grundlegenden Informationen darüber herausfinden. Sogar dieser Text mit dem Fazit meiner Erkenntnis ganz unten in diesem Text liegt in Kürze offen im Netz, man müsste nur mal danach googeln. Oder Sie müssten regelmäßiger Besucher meiner kostenlosen privaten Webseite sein, dann hätten Sie diese Information ohne die Umwege über Google oder Paypal kostenlos bekommen.

Dass Sie dennoch dafür bezahlt haben, und zwar nicht eben wenig, muss also an etwas anderem liegen. Jetzt müsste also was kommen.

Ich spinne jetzt mal und nenne es kühn den Faulheitsfreundschaftsfaktor (FFF).

Der Faulheitsfreundschaftsfaktor besagt, dass der Wert einer Information W(I) steigt, sobald

  • a) ein gewöhnlich gutinformierter Freund (GGF) sich darüber (I) verbreitet und die Bezahlung B empfiehlt oder
  • b) die Freiheit persönlicher Faulheit (FF) die persönliche Schmerzgrenze G(I) bei den Kosten K überschreitet.

Die Grenze G(I) ist in aller Regel dann überschritten, wenn bei aller Virulenz über I der Faktor GMB (größtmöglicher Bullshit) durch einen GGF von unterhalb FF gegeben ist; oder wenn der FFF gar nicht in sich schlüssig ist, sondern sich seiner selbst als Beleg bedient. qed

Ein quellenfreier Satz

So. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, das jemand für diesen Satz 1,02 Euro bereit zu zahlen ist. So jemand wie Sie. War diese unbestätigte Information, dieser quellenfreie sinnfreie Satz tatsächlich 1,02 Euro wert?

Sicher nicht. Diese Formel ist GMB. Und sicher werden Sie sich künftig zweimal überlegen, ob Sie noch einmal einem Tweet von mir bei Twitter folgen. Und ganz besonders, dafür 102 Cent zu bezahlen. Ich gebe Ihnen streng seriös beobachtet Recht und wäre kurz davor zu sagen: Mein Text ist ein Fall für Verbraucherschützer oder zumindest einen bösen Brief an meinen Arbeitgeber, von dem ich an dieser Stelle ja auch profitiere: in Sachen Glaubwürdigkeit.

Bevor Sie aber jetzt enttäuscht sind: Ich kratze jetzt mal die Kurve. Sie sind an dieser Stelle, in diesem Moment, da Sie bis hierhin in diesem Text gelangt sind, soeben das beste Beispiel, dass es doch funktioniert. Man kann mit Twitter Geld verdienen. Denn nach 400 Tagen Twittergewese ist es mir nun schon das zweite Mal gelungen, einen Tweet zu monetarisieren. (Vor einem Jahr war es mir umkehrt zunächst gelungen, Money zu tweetisieren: in eine Aufmerksamkeit umzuwandeln, die wiederum eine Geldzahlung verursachte.) Und da kann man GMB publizieren, Halbseidenes oder Nutzwertiges, und an allem verdienen.

Durch Anleitungen zu Geld

Im Grunde geht es bei allen Veröffentlichungen im Web darum, die Kosten dafür so minimal wie möglich zu halten und dennoch für die Ergebnisse eine maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Anleiter verdienen Geld. So wie schon im Goldgebiet von Klondyke vor hundert Jahren vor allem die Anbieter von Schaufeln Geld scheffelten, so ist es auch heute. Durch eine Hoffnung auf mehr, durch einen vermeintlich kleinen Beitrag zum großen Ganzen geht es darum, das gerade Elementare überhaupt erst zu begründen. Und das gerade Elementare ist Aufmerksamkeit.

Das ist etwas, was was andere virtuos weiterentwickelt haben, wie dieses Video über eine kostenpflichtige iPhone-App unterstreicht:

1,79 Euro investiert jeder, der diese sinnloseste aller Apps ausprobiert. Sinnlos? Na klar! Jeder Mensch atmet ein und aus und weiß spätestens nach seinem ersten Geburtstag, wie man eine Kerze auspustet. Nun das: Das kann auch ein Gerät mit Software. Die kostet. Toll. Dennoch bezahlen Menschen dafür.

Heiße Luft wohnt dieser Information inne. Jeder, der diese App herunterlädt, wird sie etwas heimlich ausprobieren und mancher mit ein bisschen Stolz mit sich herumtragen, darauf hoffend, dass er sie bei der nächsten Party vorführen kann. Damit er dort auf sich aufmerksam machen kann.

Weder wahr noch falsch zählt

Der Quatsch und der Zeitvertreib durch solche Dinge sind die Schmiere und der Treibstoff des Webs 2009.   Nichts anderes ist dieses Weblog, ist vieles im Twittergewese, ist so vieles im Web. Die Information muss weder wahr noch falsch sein.

Sie muss nur interessant sein, diese Information. Aufmerksamkeit, das ist die eigentliche Währung des Web 2.0 und allen neumodischen Schnickschnacks. Diese Aufmerksamkeit generiert sich durch Worte, und diese Aufmerksamkeit potenziert sich durch einfache Zugänglichkeit, durch die sprichwörtliche Ein-Klick-Anwendung, die in Diensten wie dem Apple-Store oder dem Amazon-Shop bislang schon Erfolg hat. Sie muss so einfach wie möglich gestaltet sein. Jeder Klick ist einer zu viel.

So neu ist das nicht. So hat eine ganze Generation von Gerätebedienern seit vierzig Jahren vorwiegend abends gelebt – durch die Ein-Klick-Fern- und früher -Nahbedienung, die einen Zeitvertreib herstellte. Das war die Generation der Fernsehzuschauer.

Hauptsache, interessant gemacht

Nichts anderes dürften wir vermutlich bald durch das soeben gestartete Projekt von Rupert Murdoch erleben, der eine Vielzahl seine Webangebote kostenpflichtig machen möchte. Einige wenige Leser, GGFler und FFler, werden durchaus bereit sein, dafür zu bezahlen, was sie in den kommenden Minuten ihres Surferlebnisses auf die Schnelle durch einen kurzen Klick sehen werden – vorausgesetzt, sie sind durch wohlgesetzte Worte genügend interessiert gemacht. Diese Leser müssen ahnen, dass sie die folgenden Informationen so an keiner anderen Stelle im Web finden. Nutzwert und Mitredenkönnenfaktor einer Information werden ebenso wichtig wie Nichtauffindbarkeit bei Google und Bing.

Insofern koche ich hier gerade mit eher lauwarmem Wasser, denn Bing und Google und damit auch Sie werden diesen Text finden. Die Frage ist letztlich, ob Sie über „Freunde“ bei Twitter und Facebook oder Maschinen darauf aufmerksam wurden. Und letztlich bleibt die Erkenntnis: Freunde sind mehr wert. Dafür bezahlt man dann schon mal.

Aber das sind nur meine, vormals Ihre zwei Cent zu diesem Thema. Noch einmal ganz herzlichen Dank dafür! Und für Ihre Aufmerksamkeit. Wenn Ihr Erkenntnisgewinn durch meinen weitere zwei Cent wert sein könnte, freue ich mich über Ihren Retweet.

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