Das Dilemma

Es gibt diese Situationen, da möchte man seine frischen Entdeckungen über die neuen Nachrichten sofort weiterverbreiten. Gestern war so eine Situation: In Schwalmtal ereignete sich eine Schießerei, bei der am Ende drei Menschen starben.  

Im Internet fanden sich per Twitter Beiträge eines Teilnehmers @JO31DH, der den örtlichen Polizeifunk abhörte und aufschrieb, was er hörte. Christian Lindner von der Rhein-Zeitung und Tim Schlüter haben dazu aufgeschrieben, was aufzuschreiben und zu unterschreiben ist.

Mich treibt die Frage: Macht man sich als Medium mitschuldig an etwas? An was? Machen wir uns mitschuldig an Voyeurismus, indem man gewiss zurückhaltend, aber eben nicht schweigend twitternd und online solche Vor-Ort-Quellen begleitet? – sie anstuppst und unter dem Schleier einer Art „n.t.“-Markierung wie „angeblich“, „nicht bestätigt“, „offenbar“ die live am Schirm agierenden Quellen und ihre Twitterkennung weiterverbreitet?

In diesen Augenblicken des Aufkommens einer Nachricht haben wir Journalisten üblicherweise nur rohe Informationen über ein Ereignis an der Hand. Wir wissen, dass nach der ersten Eilmeldung „Amoklauf“ die Agenturkollegen wirbeln, und wenn wir als Zeitungsredaktion gut sind, nehmen wir schon mal Kontakt zu einem Korrespondenten oder zur Tageszeitungsredaktion vor Ort auf, um nur die „richtigen“ Informationen später ins eigene Blatt zu hieven.

Für den Umgang mit parallel veröffentlichten Informationen von „Bürgerreportern“ im Netz und der flankierenden laufenden Veröffentlichung in unseren Online-Medien haben wir dagegen keine etablierte Verfahrensweise. Wie sollte das auch etabliert sein: Bei Twitter passiert immer irgendwas mit nochmals neuen Auswirkungen auf die Medien, und jeder Augenzeuge und jede Nachrichtenlage sind anders.

Seit 60 Jahren

Wenn man einmal den Hype ums Twittergewese und sogar das Internet als Medium beiseite lässt, ist dies das grundlegende Problem jedes vor Ort recherchierenden Polizeireporters, und das seit bestimmt 60 Jahren: Ist der Nachbar, der nun gerade ins Mikro ein paar Sätze seiner Beobachtungen erzählt oder in den Block diktiert, vertrauenswürdig, glaubhaft, authentisch? Und gefährdet eine Veröffentlichung seiner Aussagen einen laufenden Polizeieinsatz und damit Menschenleben? Vom Block des aufnehmenden Journalisten zum Blog des Augenzeugen sind es nicht mehr wesentlich mehr als zwei Buchstaben.

Die Zeitung mit ein paar Stunden Abstand hat es da leichter als das Onlinemedium oder der redaktionelle Twitterfeed. Bis zum 21-Uhr-Andruck-Schluss der Printredaktion haben sich die meisten solcher Ereignisse so stark distanziert, dass ein großes Ganzes, ein Gesamtbild ethisch gefahrlos veröffentlicht werden kann. So wird aus dem „Amoklauf“ eine „Schießerei“, aus dem „Alarm“ ein „Polizeieinsatz“, aus der „E i l“-Meldung ein „Dreispalter“.

In den Echtzeitmedien wie Online, Twitter und mit Abstrichen Radio und Fernsehen gibt es diese Distanzierung nicht. Und wenn dann einer wie jener Mark aus Nettetal drauflosschreibt, was er illegal im Polizeifunk abhört, sind wir live dabei und im selben Dilemma jenes Polizeireporters, der schon vor 60 Jahren bei einem Unglück „Stimmen“ einsammelte. Bringen oder nicht? Wenn, dann aber gleich. Die Leser jedenfalls sind schon dabei, auch ohne unser Zutun.

Das Foto

Es zählt der Einzelfall. Wir bei der HAZ haben das zwar verfolgt, was dort über Schwalmtal geschrieben wurde. Und wir sind per Twitter auch schnell auf das Forum gestoßen, in dem ein 18-jähriger Nachbar ein scharfes, hoch aufgelöstes Foto veröffentlichte, das den Polizeieinsatz in dieser Wohnsiedlung in Schwalmtal zeigte, mit zwei SEK-Polizisten an einer Hauswand und einem offenbar getöteten Menschen zu ihren Füßen. Man gewinnt keinen Journalistenpreis, indem man dieses Foto zurückhält.

Man verliert aber auch keinen Preis. Die Aufmerksamkeit, die dieses Foto fast ganz ohne unser Zutun im Netz gewinnt, geht an uns vorbei. Weil der Newsroom-Chef und später der Chefredakteur entschieden: Wir zeigen keine Toten. Diese Klarheit der Reaktion meiner Kollegen musste ich selbst vorhin noch einmal nachschlagen: Da steht’s ja auch, im Codex der Journalisten.

Das Dilemma, da zwei, drei Nachrichten und ein Bild, DAS Bild zu haben, die direkt vor uns auf dem Schirm auftauchen, aber ethisch nicht einwandfrei weiterzuverbreiten wären (etwa: „der Hubschrauber wird auf dem Pletschweg landen“, oder „Polizei gibt Notvarianten 1 und 2 frei“, jetzt geht das) – dieses Dilemma wird uns nicht mehr loslassen. Wir haben es nicht getwittert und nicht online und nicht im Print veröffentlicht. Mit nur fünf Klicks wäre das Foto des Augenzeugen von gegenüber in der Bildbox der Zeitungsseite gewesen, messerscharf, honorarfrei (wie sich später herausstellte, da dpa das Bild weiterverbreitete), spektakulär, authentisch. Ebenso mit einem Klick und vorangestelltem RT der „Retweet“, die Weiterverbreitung authentisch wirkender Statusmeldungen des Polizeieinsatzes.

All das haben wir nicht gebracht. All das findet man aber im Internet. Und an all dem wirken wir Journalisten in jenem Augenblick mit, da wir „Schwalmtal“ in einem Tweet erwähnen und erste Funde zu weiteren Informationen notgedrungen öffentlich bei einzelnen hinterfragen, die als Augenzeugen sogar vom Schreibtisch aus nur eine Mail entfernt sind.

Mit Ruhm bekleckert man sich nicht in solchen Augenblicken. Aber Nichtstun und auf die Agenturen zu warten wäre unjournalistisch. Es bleibt ein Dilemma.

3 Gedanken zu “Das Dilemma

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