Das jüngste Gerücht

Da sitzt der Pressesprecher eines weitgehend unbekannten Startup-Unternehmens, mit dem ich schon mal telefoniert habe und den ich für absolut integer halte, im Zug neben Leuten, die sich angeblich über einen Transfer von Michael Ballack zum Hamburger SV unterhalten.

Er schreibt in sein Handy und veröffentlicht die vermeintliche Fußballsensation: „Am Nebentisch im ICE sitzen zwei prominente Spielerberater und ein Anwalt. Sie diskutieren seit 15 Minuten einen Ballack-Transfer zum HSV.“

Kurz darauf ist die unbewiesene Nachricht „rum“, landet in Fußballforen wie etwa beim HSV, bei Journalisten, es folgen Telefonate, klare Dementis – und ebenso schnell, wie es in die Welt gesetzt wurde, ist das Gerücht wieder aus der Welt genommen. Nichts dran. Nur wenige Medien berichten darüber, vermelden das Dementi dieser Nachricht mit dem Tenor „Internet-Ente“ – schließlich bringt „jeder Ballack“ Klicks. Seriöse Medien verwerfen das Thema einfach.

Schon einmal ist im ICE das Gespräch einer Grünen-Politikerin belauscht worden, die privat plauderte, dass sie entgegen der Politik der Grünen Bundespräsident Horst Köhler gewählt hatte. Am nächsten Tag stand das in der „Süddeutschen Zeitung“ – weil ein Journalist im Zug mitgehört hatte.

Und dann gibt es diese Nachricht, die Medien weltweit sieben Monate lang zurückgehalten haben: dass der „New York Times“-Reporter David Rohde in Afghanistan von den Taliban entführt worden war. Die „Times“-Lenker hatten im November 2008 gezielt in 35 „Schlüsselredaktionen“ in aller Welt angerufen und darum gebeten, auf Berichte zunächst zu verzichten, um den eigenen Mann zu schützen. Ein Schweigepakt. Nun ist der Entführte frei, der Reporter konnte flüchten – und Medien weltweit berichten darüber.

Es ist eine zweite Öffentlichkeit im Netz, die da vor unseren Augen entsteht. Denn dass auf Dauer unbewiesene oder aus gutem Grund nicht verbreitete Nachrichten zurückgehalten werden können, ist nicht ausgemacht. In Sachen „Times“-Reporter etwa versuchte ein Unbekannter immer wieder bei der Wikipedia, die Entführungsnachricht zu veröffentlichen. Die Wikipedia-Chefs waren jedoch im Bilde, machten die Veröffentlichung immer wieder rückgängig: „Wikipedia also participated in the media blackout.“

Das hatten wir auch noch nicht.

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