Tweetranking: Eine feine Sache – für Medienmenschen

Eine feine Sache, mit der uns Holger Schmidt von der FAZ überrascht hat. Seine Seite Tweetranking ermöglicht, Twitizen, also Nutzer des sozialen Netzwerkes Twitter, kurz und knapp per Mausklick zu empfehlen — so dass auf Dauer ein Linkverzeichnis empfehlenswerter und weniger empfehlenswerter Twitter-Protagonisten zu bestimmten Themen entsteht. Vorausgesetzt, die Macher bekommen den erwartungsgemäß umgehend angesprungenen Spam in den Griff.

Tweetranking ist als Beta gestartet und hat vom Start weg die üblichen Verdächtigen der Twitter-Szene in Deutschland erfasst. Die Webseite erweitert das soziale Netzwerk Twitter um eine Empfehlungskomponente: Wer von den aktiven Twitternutzern ist es wert, gelesen und dauerhaft gefollowt zu werden? „Ich empfehle @XY in den Kategorien YZ“ – so lautet das auszufüllende Eingabefeld von Tweetranking. Wobei man dann kurz einträgt, welchen gerne gelesenen anderen Twitter-Nutzer man in einer selbst bestimmten Kategorie auch anderen Nutzern empfehlen möchte. So entstehen neue Listen, etwa in der Frage der empfehlenswerten PR-Leute, Medien und „Web 2.0„-Twitterer.

Grundlegendes Twitternutzer-Verzeichnis

Binnen weniger Stunden ist am Mittwoch ein erstes grundlegendes Verzeichnis der wortführenden Twitterer hier zu Lande entstanden. In Sachen „Web 2.0“ wurden Ibo, saschalobo und talkabout von der Mehrheit der Tweetranking-Gemeinde empohlen. In Sachen „Journalismus“ galten die Empfehlungen tknuewer, HolgerSchmidt und sixtus. Und beim Hashtag (= der Kategorie) #Medien habe ich auf die Schnelle das Twitter-Konto meines Arbeitgebers per Empfehlung via @HAZ unseren Followern empfohlen, die dann dankenswerterweise uns zumindest vorerst, an diesem ersten Tag, an die Spitze in dieser Kategorie beförderten.

Die Spammer und Selbstbeförderer waren schnell auf den Plan gerufen, um sich selbst in diesen neuen Listen nach oben zu befördern. Mit mehreren Twitterkonten ist es ein Leichtes, sich selbst in diesen Listen nach oben zu pumpen. Frisch eingerichtete, von den Nutzern beigetragene Kategorien wie #rentacar, #leihwagen und #autovermietung wurden dann auch schnell von den passenden Verdächtigen oder deren Gefolgsleuten belegt.

Sicher werden Schmidt und seine Programmierer ein Konzept gegen mögliche Spammer ausbaldowern – wenn es nicht eh schon in der Schublade steckt. Man darf nicht vergessen, dass dieser Webauftritt eine Betaversion ist, zu der wir eingeladen sind und an der wir bereits teilhaben. Die nun veröffentlichte erste Umsetzung jedenfalls, in Sachen Design, Nutzerführung und Programmierung, lässt augenscheinlich keine großen weiteren Wünsche offen. Beim Einloggen gibt es noch beim ersten Mal Probleme, beim Einloggen unter anderem Konto ebenfalls. Das sind Peanuts, verknusbare und sicher lösbare.

Mit machen Twitter-Medien-Menschen

Was viel eher irritiert: Es scheint einen engen, einen ganz besonders engen Klub von Twitterenthusiasten in Deutschland zu geben, der kaum über die Zahl von 100 Mitgliedern hinausreicht. Mit machen aufs Neue jene Medienmenschen, die auch sonst aktiv sind: in den Zeitung-Online-Auftritten, in den PR-gestützen Webdiensten, in den engagiertesten, semiprofessionellen Blogs und in den von Öffentlich-rechtlich gesponsorten Internet-Diensten. Es ist die Journalisten-Online-Szene. Im Grunde gründen die Wortführer auf diesem Weg gerade ihre eine neue neue Kaste, einen Klub, der sich zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt. Dass dort noch ganz andere Kategorien entstehen, sagen wir mal eine Sortierung der besten Bäcker, Fußballer, engagierter Erdgasfahrer oder Schwimmbeckenmaurer, ist nicht ausgemacht. Warum twittert mir mein Handwerker nicht, der gerade einen Auftrag im Garten erledigt, dass ihm die besondere Steinsorte ausgeht?

Twitter ist ein Medienmenschending.

Dort aber ist es ein gutes. Twitter und Google Wave — und den Ansatz dazu per Tweetranking durchdacht — könnte uns Medienmenschen ganz dauerhaft dabei helfen, nur die guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfen zu befördern – „die Nachrichten“: so, wie wir Medienleute schon heute professionell ganz unterschiedlich bewerten, was man in den Zeitungen auf Papier und in deren Online-Diensten liest; so, wie man eben auch eine Nachricht aus der „Bild“ anders bewertet als aus der Tagesschau; und so, wie man gelegentlich eine seitenlange grammatikalisch mit Fehlern durchsetzte Zuschrift eines Lesers als wunderbares Thema einschätzt, das man dem Bürgermeister nur mal vorlegen muss: So entsteht hier gerade eine Bewertungsnetzwerk der Leistung von Journalisten. Künftig vergleichen sich dort nicht nur einzelne, sondern auch Medien, Blogger, Leser und Prominente. Und ich als Journalist weiß schon ganz prima einzuschätzen, was von BNO-„Breaking“ im Vergleich zur dpa-Eilmeldung zu halten ist. Letzere ist langsamer, aber sicherer.

Medienkritik

Erstaunlich daran ist, dass nicht etwa die etablierten Fachzeitschriften wie der „Journalist“ oder das „MediumMagazin“ auf diese Idee des Bewertungssystems von Medien und Menschen gekommen sind. Erstaunlich ist, dass ein einzelner Redakteur dieses Ding anschiebt – und dass er es anschieben kann. Der Aufwand für solch ein Bewertungssystem in Sachen Programmierung ist offenbar gering. Mir selbst ist mit einer Fingerübung des URL-Verkürzungsdienstes http://j2j.de die Idee eines eigenen Geschäfts als Versuch nicht fremd. Auf die Schnelle ist da vieles programmiert. Aber warum die größeren Medienunternehmen, die immer wieder neue „Labs“ begründen und ausstatten, auf so etwas nicht kommen, das habe ich noch nicht verstanden.

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