Sicherheit im Internet: So greifen Botnetze an

Die Angriffswaffe steht womöglich direkt im Kinderzimmer auf dem Schreibtisch. Jeder normale PC mit Internetanschluss ist in der Lage, als Werkzeug für großflächige, weltweite Attacken missbraucht zu werden – ohne dass es der Nutzer bemerkt.

Sogenannte Botnetze sind das jüngste Mittel in Sachen Computerkriminalität. Die Betreiber dieser Netze machen sich die Kompliziertheit des PCs zunutze, kapern massenhaft Rechner ahnungsloser Internetsurfer und fahren damit unter deren Flagge großflächige Angriffe auf andere Rechner. Auch 20 Jahre nach Aufkommen des Internets sind Computer nicht sicher. Angreifer spähen Kennwörter aus und versuchen damit, Geld zu überweisen oder schlicht Spam zu versenden.

Die Botnetze spielen dabei eine wichtige Rolle: Erst in der vergangenen Woche wurde wieder ein neues Botnetz entdeckt, das aus mehr als einer Million Privat-PCs in aller Welt bestand und noch immer besteht. All diese Computer sind mit Schadsoftware verseucht: Sobald sie online gehen, melden sie sich bei mehreren Master-Servern, ohne dass der Nutzer etwas davon mitbekommt. Auf Befehl dieser Master-Server irgendwo in China, Brasilien oder den USA wird dann der infizierte Computer tätig und bombardiert beispielsweise eine bestimmte Webseite mit ganz normalen Abfragen – mit der Folge, dass dieses Webangebot zusammenbricht.

Nach Einschätzung von Sicherheitsfirmen verbergen sich dahinter mafiöse Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit den Mitteln des Netzes aus aller Welt rekrutieren. Der IT-Sicherheitsexperte Eugene Kaspersky schätzt, dass der jährlich weltweit von Internetkriminellen verursachte Schaden bei knapp 80 Milliarden Euro liegt. „Früher gab es meist nur Hooligans, dann gab es Kriminelle, die sich mithilfe von Schadprogrammen am Geld anderer Leute bereichern wollten“, sagt der Russe, „heute ist die Welt von Cyberkriminellen regelrecht organisiert.“

Eine Armada von einer Million infizierter Privat- und Firmen-PCs lässt sich etwa dafür missbrauchen, massenhaft Werbung für ein dubioses Viagra-Produkt zu versenden. Da wird dann der PC auf dem heimischen Schreibtisch zur Spam-Schleuder, und der Anwender wundert sich lediglich über den langsamen Internetzugang. Schützen kann man sich nur, indem man eine Reihe von Sicherheitstipps beachtet.

Staatliche Agenturen, Sicherheitsfirmen, die Branchenführer wie Microsoft und Google sowie die Provider gehen täglich gegen solche Angriffsszenarien vor. Doch es ist und bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel: Sicherheitslücken in Programmen werden entdeckt, bekannt gemacht, durch Updates gestopft – und dann beginnt das Spiel aufs Neue. Angreifer testen, entdecken neue Sicherheitslücken und nutzen diese aus. Je komplexer die Computersysteme, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass an irgendeiner Stelle in Hunderttausenden von Programmzeilen ein Fehler steckt. Jedoch müssen es gar nicht immer die komplexen Systeme sein, die ausgenutzt werden.

Häufig reicht schon „social engineering“ – das Ausspähen durch persönliche Nähe. „Wir haben ein Sicherheitsproblem entdeckt und müssen die Kennwörter überprüfen. Könnten Sie sich mal einloggen?“ heißt es womöglich in einem Anruf, bei dem sich jemand scheinbar seriös mit dem Namen des bekannten Providers meldet. Naheliegend, dass dann das erste eingegebene Kennwort nicht fruchtet und umgehend das eigentliche „zum Helfen“ erfragt wird. Wirklich seriöse IT-Abteilungen in den Unternehmen schulen ihre Anwender dagegen so, niemals ein Kennwort herauszugeben. Die Systeme sind heute so gestrickt, dass der Administrator ein neues Kennwort vergeben und das alte überschreiben kann. Aber selbst der oberste Systemchef kann ein vorhandenes Kennwort nicht auslesen, da es verschlüsselt gespeichert wird.

Das Ent- und Verschlüsseln dieser Kennwörter erledigen die Systeme mittlerweile im Hintergrund, ohne dass irgendjemand darauf Zugriff hat – vorausgesetzt, es wurde nach Industriestandard programmiert. Ein Ende der Sicherheitsprobleme ist nicht in Sicht.
Immer neue Anwendungen lassen immer neue Sicherheitslücken entstehen. Das Grundproblem ist dabei die Anonymität des Internets: Angreifer gelangen über Server ins Netz, die sich durch geschickte Zusammenschaltung zum Verschleiern krimineller Taten nutzen lassen. Bis die Behörden die Urheber ausgemacht haben, oft über Ländergrenzen hinweg, sind die Täter über alle Berge – oder schlicht nicht mehr aufzufinden, weil sie als Zwischenstation beim Angriff fremde, ferngesteuerte Privat- oder Firmen-PCs benutzt haben.

Eine Lösung wäre, das Internet generell nur mit einer Kennung wie dem persönlichen Fingerabdruck zugänglich zu machen – weltweit, in jeder Firma, an jedem Privat-PC, in jedem Internetcafé und Bahnhofs-Hotspot. Dann ließe sich viel einfacher als bisher jeder Angriff bis zum Urheber zurückverfolgen. Andererseits: Der Datenschutz wäre damit ebenfalls aufgehoben – weltweit.

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