In sozialen Netzen: Vom Crowdsourcing und Selbstentblößungen

Da kann etwas nicht stimmen. Höchstens 15 Freunde hat ein durchschnittlicher Mensch nach Überzeugung vieler Soziologen. Doch in den sozialen Netzen, die als neues „großes Ding“ des Internets gelten, protzen Teilnehmer mit 100, 200 und teilweise gar einer vierstelligen Anzahl an Freunden. Ist das Internet in den 20 Jahren seines Bestehens zu einem Ort geworden, an dem sich alle lieb haben?

Nein. Und dennoch sind es nicht alles falsche Freunde, die man in den Internet-Netzwerken wie StudiVZ, Xing, Facebook, Wer-kennt-wen.de oder Twitter antrifft. Es sind vielfach eher schwache Bindungen, die die Teilnehmer dieser Netze per Internet knüpfen: lose Bekannte, entfernte Interessenten mit nur wenigen, vereinzelten Gemeinsamkeiten. Dies gilt ebenso als erwiesen wie die Erkenntnis, dass eine große Zahl solcher schwachen Bindungen im Effekt für bestimmte Zwecke stärker wirkt als eine kleine Zahl starker Bindungen.

Etwa durch einen Effekt, den die Experten „Crowdsourcing“ nennen – das Versammeln vieler Quellen zu einer nutzbaren Masse. Wer etwa ein Plakat gestaltet und dafür eine bestimmte, ausgefallene Illustration sucht, wird möglicherweise in einem sozialen Netzwerk namens iStockPhoto.com fündig – wo sich Fotoenthusiasten tummeln, die sich gegenseitig die Fotos bewerten. Angesichts der Masse an Teilnehmern wird es in diesem Netzwerk ein Leichtes, als „Neuling“ hochwertige Aufnahmen zu einem gewünschten Motiv zu entdecken – wo doch die einzige Gemeinsamkeit mit den anderen Teilnehmern darin besteht, gute Fotos zu schätzen.

Andere Internet-Netzwerke wirken sogar als Karrierebeförderer – oder als -verhinderer. So hinterlegen viele Nutzer ihr persönliches Profil samt Lebenslauf, Foto und Kontaktdaten bei einem professionell wirkenden Dienst wie Xing oder LinkedIn. Dementsprechend wird in Personalabteilungen durchaus vor Bewerbungsgesprächen gegoogelt, was es über den Bewerber an Informationen im Netz zu finden gibt.

Dabei sind es vor allem die sogenannten Statusmeldungen, die die Faszination der sozialen Netze ausmachen: Bei Facebook, Wer-kennt-wen.de und Co. geben Teilnehmer vielfach Banales über sich bekannt – und andere Bekannte verfolgen das Geschriebene. Je größer die Zahl der angezeigten Verbindungen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich darunter Lesenswertes oder Nützliches wiederfindet – und vermeintlich größer ist auch das Ansehen für denjenigen, der mehr Kontakte aufweisen kann. Manche Nutzer tragen mittlerweile ihre virtuellen Kontakte sogar in ihrem Schlüsselanhänger mit sich herum: Diese „Poken“ in Form von Tierfiguren sind kleine USB-Sticks, die Visitenkartendaten speichern. Trifft man also beispielsweise auf einer Party einen anderen „Poken“-Besitzer, kann man die Figuren aneinanderhalten und die enthaltenen Daten drahtlos übertragen – so wird das virtuelle Netzwerk in der Realität erweitert. Man kann aber auch einfach miteinander reden.

Vor allem Prominente nutzen die sozialen Netze, um eine direkte Verbindung zu ihren Fans aufzubauen. Für Furore sorgte etwa US-Moderatorin Oprah Winfrey, als sie ankündigen ließ, künftig bei Twitter mitzumachen und kostenlose Kurznachrichten an ihre Abonnenten abzusetzen. Binnen Minuten trugen sich mehr als 60.000 „Follower“ (Leser) auf ihrem Twitterkonto ein – obwohl Winfrey noch nicht einen einzigen Beitrag, „Tweet“ genannt, geschrieben hatte.

Einen noch größeren Rekord stellte Ashton Kutcher auf, der Ehemann der US-Schauspielerin Demi Moore. Mehr als eine Million Leser erreichte sein Twitterkonto, und er gewann damit ein virtuelles Wettrennen gegen den Eilmeldungsservice des Fernsehsenders CNN, der zu dem Zeitpunkt „nur“ auf 998.238 Leser kam. „Es ist, als ob man deren Telefongespräche belauscht“, erklärte ein Teilnehmer die Faszination, die großteils belanglosen Statusmeldungen von Kutcher und Moore zu verfolgen. Vor allem den Paparazzi schlägt das Ehepaar so ein Schnippchen – und tritt zuweilen selbst als Paparazzi auf. Kürzlich fotografierte Kutcher Gesäß und Rücken seiner fast nackten Frau im Badezimmer und stellte das Foto ins Netz; Moore machte sich anschließend ebenso öffentlich darüber lustig.

Solche Selbstentblößung von Prominenten ahmen Jugendliche nach – wenngleich Schulen mittlerweile dabei Hilfestellung geben, Eskalationen beim Veröffentlichen von allzu persönlichen Bildern und Texten zu unterbinden. Auch die Politik ist aktiv geworden: So hat EU-Kommissarin Viviane Reding jetzt mehr Datenschutz für Jugendliche gefordert und die Betreiber sozialer Netzwerke dazu aufgerufen, sich mehr für den Schutz der Privatsphäre und persönlicher Daten Minderjähriger einzusetzen.

Ohne die Anbieter wird dies aber nicht gehen. Denn selbst wenn aufgeklärte Schüler vorsichtig genug sind, bei beispielsweise schülerVZ nur wenig von sich preiszugeben, reicht schon ein Mitschüler, der unvorteilhafte Partyfotos ins Netz stellt und mit Klarnamen der Abgebildeten versieht. Sozial ist das gewiss nicht. Eltern haben es zusätzlich schwer, so etwas zu entdecken: Zugang zu schülerVZ erhält nur, wer eine Einladung eines Schülers bekommt.

Dass die Jugendlichen dort unter sich bleiben möchten, ist andererseits nachvollziehbar: Schließlich taugen soziale Netze durchaus auch fürs Anbahnen romantischer Kontakte – was der Erfolg von Kontaktbörsen wie Parship & Co. beweist. Im richtigen Leben muss sich die Qualität dieser Beziehungen dann noch erweisen.

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